
Die Tatsache eines angemessenen Pluralismus in liberalen Demokratien bedroht die Stabilität solcher Gesellschaften. John Rawls schlug eine Lösung für dieses Problem vor: Die verschiedenen umfassenden moralischen Doktrinen, die von den Bürgern vertreten werden, überschneiden sich in einer gemeinsamen politischen Vorstellung von Gerechtigkeit, z. B. seiner Gerechtigkeit als Fairness. Im Idealfall ist die Akzeptanz der politischen Vorstellung für jeden Bürger individuell durch die Methode des breiten reflektierenden Gleichgewichts gerechtfertigt. Wenn dies zutrifft, befindet sich die Gesellschaft in einem vollständigen reflektierenden Gleichgewicht. Rawls untersucht nicht im Detail, unter welchen Bedingungen ein vollständiges reflektiertes Gleichgewicht möglich oder wahrscheinlich ist. Dieser Artikel skizziert eine neue Strategie zur Beantwortung dieser offenen Frage unter Verwendung des kürzlich von Beisbart et al. entwickelten formalen Modells des reflektierten Gleichgewichts. Erstens wird argumentiert, dass eine Perspektive der begrenzten Rationalität angemessen ist, was bestimmte Änderungen am Modell erfordert. Zweitens formuliert der Artikel die offene Frage nach dem vollständigen reflektierten Gleichgewicht nach Rawls im Hinblick auf das Modell neu. Die Frage wird eingegrenzt, indem der Fokus auf die inferentiellen Verbindungen zwischen umfassenden Doktrinen und politischen Konzepten gelegt wird. Rawls selbst stellt eine anspruchsvolle Annahme darüber auf, welche Verbindungen für ein vollständiges reflektiertes Gleichgewicht notwendig sind. Drittens wird ein Simulationsstudienentwurf vorgestellt, der auf Einfachheit ausgerichtet ist. Die Ergebnisse werden diskutiert und stimmen mit Rawls’ Annahme überein. Aufgrund der starken Idealisierungen bieten sie jedoch eher einen nützlichen Maßstab als eine endgültige Antwort. Der Artikel enthält Vorschläge für ausführlichere Studienentwürfe. (Originalsprache Englisch)